COMICOSKOP: Dieses Jahr 2025 geht´s - quasi zum 40-Jahres-Jubiläum nach der Münchner Comic-Tage-Premiere in 1985 im alten Gasteig zu Wolfgang J. Fuchs' Zeiten - ja zurück zur früher gewohnten Lokation Alte Kongreßhalle mit gebündeltem Auftritt, sehr erfreulich - wie kommt's, wie hast du das geschafft?
HEINER LÜNSTEDT: Vor zwei Jahren hatten wir Pech, denn einem anderer Veranstalter war es gelungen, die Alte Kongresshalle zum
Fronleichnam-Termin vor uns zu reservieren. Daher kam die Stadtbibliothek im HP8 als Ersatzlocation ins Spiel. Dies hat zwar recht gut funktioniert und uns sicher auch neues Publikum erschlossen.
Dennoch sind wir froh, dass wir wieder in die Alte Kongresshalle zurückkehren können und haben dort jetzt bis 2031 reserviert.
COMICOSKOP: Aus Sicht mancher Besucher weniger angenehm mag sein, dass dieses Mal wieder Eintritt verlangt wird: Ticket-Einnahmen
sind offenbar wieder nötig, als Co-Finanzierung. Hat die Stadt die Förderung reduziert? Im Exklusiv-Interview für s COMICOSKOP im Jahr 2017 hattest du angedeutet (olala, schon acht Jahre her...),
dass die Stadt München sich stärker engagieren werde - das scheint mir dann ja auch passiert zu sein bis zum vorigen Mal 2023, jetzt "back to the roots", wieder weniger?
HEINER LÜNSTEDT: Es war nicht möglich für das Festival im HP8 Eintritt zu verlangen, da dort ja gleichzeitig die Stadtbibliothek
unentgeltlich von 7 bis 23 Uhr ihre Open Library betreibt. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick damit geliebäugelt, weiterhin mit freiem Eintritt zu operieren. Doch dies wird auch vom
Kulturreferat gar nicht so gerne gesehen, weil dort erwartet wird, dass wir einen Teil unseres Festivals mit Eigenmitteln finanzieren. Außerdem konnten wir im HP8 – vor allem was
Verlagsmesse, Ausstellungen, Podium und Zeichenkurse betrifft – nur ein eingeschränktes Programm realisieren. Zudem wird die Stadt in der Tat ihre Ausgaben im gesamten Kulturbereich
“konsolidieren“, also zurückfahren und 10 Euro für die Tageskarte (Der Vorverkauf hat begonnen) sind ein moderater Gegenwert für unser wieder sehr vielfältiges
Programm.
COMICOSKOP: Kürzlich warst du in Norwegen, das sich ja dank Lars Fiske, Steffen Kverneland, Jason & Co mittlerweile vom Geheimtipp zu Europas kleinem, aber feinem Comic-Eldorado im hohen Norden gemausert hat, bei einer Konferenz und hast kräftig die Werbetrommel für dein Festival gerührt - doch zugleich den Comic-Salon auch "vertreten": Welche Erkenntnisse hast du mitgebracht, wie die beiden kraftvollen Events unterschiedlich gesehen werden, "in der Welt"?
HEINER LÜNSTEDT: Zu einem Erfahrungsaustausch anwesend waren dort OrganisatorInnen von jährlich stattfindenden Festivals aus
Großbritannien, Tschechien, Polen und natürlich Norwegen. International ist es immer noch erklärungsbedürftig, dass das größte deutschsprachige Comicfestival in Erlangen lediglich alle zwei Jahre
stattfindet und es auch uns in München nicht möglich ist “alle Jahre wieder“ stattzufinden. Beeindruckend war, was die Vertreterin aus Lodz zu berichten hat. Dort findet seit 1991 ein Festival
statt, dass sich seit 2008 auch den Computerspielen widmet. Dadurch war es auch möglich, dass die Veranstalter mittlerweile ein ganzjährlich geöffnetes “Zentrum für Comics und interaktive
Narrative“ betreiben. Beim Gastgeber Norwegen sowie in Tschechien beeindruckt, dass dort die Comickultur, wozu auch das Veröffentlichen von einheimischen Comics im In- und Ausland - in einem
bemerkenswertem Maße durch staatliche Mittel gefördert wird.
COMICOSKOP: Welche Highlights wird's 2024 geben? Da wird ja Watchmen-Legende Dave Gibbons als Ehrengast dabei sein, mit einer von Michael Kompa gestalteten Ausstellung - und Chris Scheuer erhält den Lebenswerk-PENG-Preis 2025, wow! Gerne dein Kommentar dazu - und evt. ein drittes Highlight?!
HEINER LÜNSTEDT: Dave Gibbons war schon immer unser absoluter Traumgast und wir freuen uns sehr, dass es Michael Kompa gelungen
ist, ihn erstmals erfolgreich zu einem deutschen Comicfestival einzuladen. Chris Scheuer hatte sich durch den großartigen ersten Band seiner Comic-Autobiografie selbst als Preisträger empfohlen
und wir haben bei ihm offene Türen eingerannt. So wie es aussieht, wird er auch für die musikalische Begleitung der PENG!-Preisverleihung sorgen. Tolle Themen sind aber auch “Clever & Smart“
im spanischen Kulturinstitut, sowie unsere Florian Julino-Werkschau, zu der bei Salleck ein Katalog erscheinen wird. Ich freue mich aber auch sehr, dass wir wieder mit der Stadtbibliothek im
Motorama zusammenarbeiten und dort eine Ausstellung zum leider immer aktueller werdenden Thema DEMOKRATIE VERTEIDIGEN zeigen können.
COMICOSKOP: Dave Gibbons, inzwischen 76 Jahre alt, war ja Teil der britische 2000 AD-Generation, hat ja zusammen Texter-Guru
Alan Moore in den 1980ern Comic-Geschichte geschrieben und den Meilenstein Watchmen geschaffen, 1986/87, später auch „Give me Liberty“ mit Frank Miller… wird es denn auch eine Werkschau mit
Exponaten aus der Feder von Dave Gibbons geben? Was ist sonst mit Gibbons geplant?
HEINER LÜNSTEDT: Wir werden auf der Bühne im großen Saal eine Ausstellung zum Thema Watchmen mit Originalseiten zeigen. Talks sind
auch mit Dave Gibbons sind auch geplant. Hier noch einige Infos zu unserem WATCHMEN-BIERDECKEL: (siehe Anlage) Die Zeichnung von Rorschach hat Dave Gibbons exklusiv fürs Comicfestival
München angefertigt. Seit über fünf Jahren ist dies Daves erste professionelle Zeichnung eines Charakters aus Watchmen. Er hat uns angeboten, den Bierdeckel auf dem Comicfestival für die Besucher
zu signieren!
COMICOSKOP: Ja, fein, ein Brite, der sich den bayerischen Bierdeckel-Gebräuchen anpasst, was will man als Münchner mehr...Aber ihr
habt auch die wunderbare, preisgekrönte spanische Comic-Zeichnerin Ana Miralles zu Gast, die gerade mit ihrer fulminanten Ava Gardner-Comicbiografie in Europa reüssiert (dt. bei Schreiber &
Leser)… ihr habt ja überhaupt gern und traditionell spanischsprachige Ausstellungen und Autor:innen im Programm…. Diesmal würdigt Ihr Francisco Ibanez abgedreht-skurrile Kult-Serie „Clever
und Smart“, einst beim Condor Verlag auf deutsch auch in deutschen Landen ein Hit…
HEINER LÜNSTEDT: Zur Vernissage ins Instituto Cervantes am 16. Juni wird sogar die Tochter vom vor zwei Jahren verstorbenen
Francisco Ibáñez anreisen.. Co-Festivalleiter Rainer Schneider hat ein Faible für spanische Comics und in den letzten Jahren gute Kontakte zu den dortigen KünstlerInnen aufgebaut...
COMICOSKOP: Ja, wir erinnern uns gern etwa an die Kim-Ausstellung zurück oder an die Eternauta-Schau...
Warum habt Ihr entschieden, Chris Scheuer den Lebenswerk-PENG-Preis zu geben… Scheuer war ja der erste 1984er Max-und-Moritz-Preisträger als Bester
deutscher Zeichner beim Premieren-Salon Erlangen, man erinnert ich ja an Marie Jade, Morgana, Sir Ballantine, Sheshiva, Titelhelden, Pianissimo… dann war jahrzehntelange
Comic-Schaffenspause… und plötzlich 2019/20 überraschte er mit einem Comeback, der Trilogie Reiche Ernte bei Panini, dann kam das Kinder- und Jugendbuch „Vollmond Legenden“ beim G&G Verlag
(2023)... und jüngst Band 1 seiner autobiografischen Graphic Novel „SCH“ bei Achim Schnurrers ambitioniertem crowdfunding-Projekt edition aleph… mit Scheuers facetten- und ereignisreichen
Lebenserinnerungen – … ist es dieser späte Frühling Scheuers, der Euch dazu animiert hat, ihm jetzt fürs Spätwerk den PENG-Preis fürs Lebenswerk zu geben?
HEINER LÜNSTEDT: Mich hat der erste Band seiner von Achim Schnurrer herausgegebenen Comic-Autobiografie begeistert und ich wollte
ihn durch den PENG! auch motivieren diese fortzuführen. Für ihn sprach aber auch, dass er bei der Preisverleihung am 21. Juni quasi selbst ein Ständchen auf seiner Gitarre mit
Familienbegleitung zum Besten geben wird...
COMICOSKOP: Ein Highlight dürfte auch sein, dass Ihr Guy Delisle nach Bayern lockt, den im südfranzösischen Montpellier
lebenden Franko-Kanadier, der mit Graphic Novels wie Shenzhen, Pjönjang, aber auch Aufzeichnungen aus Birma und Jerusalem jede Menge Preise einheimste… Viele wissen nicht, dass er auch in
jungen Jahren als Trickfilmer in Europa arbeitete, u.a,. an Brösels Zeichentrickfilm „Werner beinhart“…. und jetzt, im April 2025, erscheint sein neuester Wurf Für den Bruchteil einer Sekunde –
Das bewegte Leben von Eadweard Muybridge über den vergessenen Kino-Pionier und Fotografen endlich auch auf Deutsch.....Was wird für Programmpunkte mit ihm geben, worauf dürfen wir uns da
freuen…?
HEINER LÜNSTEDT: Wir sind sehr froh, ,dass Reprodukt zum Comicfestival so großartige Gäste wie Isabel Kreitz, Paco Roca, Charles
Berberian. Mawil und eben Delisle eingeladen hat - wir werden uns darum bemühen, dass unser Publikum mit Künstlergesprächen und Signieraktionen verwöhnt wird.
COMICOSKOP: Noch eine letzte Frage – Münchens Kulturreferent Anton Biebl, der nach 34 Jahren in verschiedenen Kultur-Funktionen bei
der Stadt München seinen Abschied nimmt, heimst für besondere Leistungen um die Münchner Comickultur auch einen PENG-Preis ein, kannst Du den Nicht-Münchner Leserinnen und Lesern des COMICOSKOPS
bitte erklären, warum er den Preis bekommt, worin seine besonderen Leistungen bestanden…?
HEINER LÜNSTEDT: Anton Biebl war schon beim Kulturreferat der Landeshauptstadt München tätig, bevor er dort die Leitung übernommen
hat. Zuvor war das Comicfestival München sein erstes großes Projekt und er hat den Talk mit Robert Crumb im Jüdischen Museum fachkundig und charmant anmoderiert. Auch als Kulturreferent war er
für uns immer ansprechbar und aufgeschlossen. Das ist schon einen PENG! wert, zumal dies seine erste Auszeichnung ist - und Herr Biebl sich ein neues Tätigkeitsfeld gesucht hat. Daher hat
unserer Verleihung des PENG!-Preises an den einstigen und allgemein sehr beliebten München Kulturreferenten kein “Gschmäckle“.
COMICOSKOP: Dann hoffen wir mal, dass Biebls Nachfolger im Amt, Münchens neuer Kulturreferent Dr. Florian Roth von den Grünen, das
Anliegen der Comic-Kultur künftig genauso unterstützt und dem Festival gegenüber ebenso wohlgesonnen sein wird... Wir freuen uns jedenfalls aufs Münchner Comic-Festival, das klingt doch alles
sehr vielversprechend. Besten Dank für dieses Exklusiv-COMICOSKOP-Gespräch, lieber Heiner.
COMICOSKOP-Redakteur seit 2014 und gebürtiger Münchner Hanspeter Reiter
(Comicoskop-Kürzel: HPR), Jahrgang 1953 (geboren in dem Jahr, als Rolf Kauka mit "Fix und Foxi" aufwartete), lebte lange in Köln,
jetzt wieder in Bayern, in Landsberg am Lech bei München, liest und liebt deutsche Comics; schreibt auf COMICOSKOP bevorzugt über Comics made in Germany, kennt die Verlagsszene aus dem FF und den bundesdeutschen Comic-Markt...